Ein früher Weckruf

Gruhl, Herbert: Ein Planet wird geplündert

Die Schreckensbilanz unserer Politik, S. Fischer Verlag, 384 Seiten, Frankfurt 1975

„Wird die Vernunft die Menschen abhalten können, ihre eigene Lebensgrundlage völlig zu zerstören? Da besteht wohl wenig Hoffnung! Denn was die Menschen heute vernichten, zum größten Teil ist das nicht ihre eigene Lebensgrundlage, sondern die ihrer Kinder und Enkel. Diese aber können »ihre Welt« noch nicht verteidigen.“ (S. 25)

Gruhl zitiert den Dichter Ionesco: „Ich bin ein Mensch unter drei Milliarden Menschen. Wie kann da meine Stimme gehört werden? Ich predige ihn einer überbevölkerten Wüste. Weder ich noch andere können ein Ausweg finden. Ich glaube, es gibt keinen Ausweg.“ (S. 27)

„Heute wird jeder Winkel der Erde systematisch nach Bodenschätzen durchsucht. Man erforschte die Seegebiete im Bereich des Festlandsockels, geht nun auf den Grund der Hohen See und stößt in Bereiche des ewigen Eises vor—in Kanada wie in Sibirien. Neuerdings liest man von Projekten zur Ausbeutung der Antarktis.“ (S. 97)

William Kapp (1910 – 1976) hat sich der Umweltproblematik 1950 unter wirtschaftswissenschaftlichen Gesichtspunkten angenommen hat. „Kapp hatte nämlich aufgedeckt, dass die industrielle Produktion Kosten verursacht, die nicht in die Preise der hergestellten Güter eingehen, deren Last vielmehr die gesamte Gesellschaft in Form von Umweltschäden trägt.“ (S. 121)

Es gib t keine freien Güter mehr: „Freie Güter sind solche, die in einer für die praktische Bedürfnisse der Menschen beliebig großen Mengen vorhanden sind, deren Aneignung daher ohne Sorge um die Erhaltung der dauernden Verfügung vor sich gehen kann und die für die Befriedigung auch der voraussichtlich künftig bestehenden Bedürfnisse ausreichen. Luft, Licht, Wasser in wasserreicher Gegend, Holz im Urwald sind nicht Gegenstand der menschlichen Wirtschaft, das heißt dauernder Sorge um ihren Bedarf, sondern nur der Aneignung und des Verbrauchs.“ (S. 121)

„Der entscheidende Grund, warum es in den Industrieländern weder zu nennenswerter Arbeitslosigkeit noch zu bedeutender zusätzlicher Freizeit gekommen ist, liegt in der grenzenlosen Begehrlichkeit des Menschen, der von Freizeit redet, aber immer mehr Güter will.“ (S. 151)

„Das Bedürfnis nach neuen Gütern wuchs im Allgemeinen immer schneller als die Produktion; denn die Erfüllung eines Wunsches weckt mehrere neue und so fort. Auch hier erfolgt eine Entwicklung von der Einfachheit zu komplizierten Vielfalt: gegen die natürliche Entropie also. Da die Möglichkeit der Variationen Kombination exponentiell zunehmen, sind dem Erstrebbaren auf dem gegenwärtigen Produktionsstand keine Grenze gesetzt. Früher wurde nicht vorausgesehen, dass des Menschen wünsche keine Grenzen kennen.“ (S. 151)

In der Bundesrepublik Deutschland wurde das wirtschaftliche Wachstum sogar gesetzlich verankert. Am 10. Mai 1967 beschloss der Deutsche Bundestag das ,,Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft“. Im Paragraph 1 heißt es: „Die Maßnahmen sind so zu treffen, daß sie im Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung gleichzeitig zur Stabilität des Preisniveaus, zu einem hohen Beschäftigungsstand und außenwirtschaftlichem Gleichgewicht bei stetigem und angemessenem Wirtschaftswachstum beitragen.“ Gruhl meint dazu: „Damit hat man etwas gesetzlich ‚verankert‘, was es in der irdischen Welt überhaupt nicht geben kann.“ (S. 207). Man hat bei der Formulierung des Gesetzes offenbabar nicht daran gedacht, dass weiteres Wachstum an ökologische Grenzen stoßen könnte. Das Gesetz ist auch im Jahr 2019 immer noch in Kraft.

Emil Küng (1914 – 1992), Schweizer Ökonom: „Die Kritik der späteren Generation kümmert denjenigen wenig, denn nur in der Gegenwart lebt und der zu seinen eigenen Lebzeiten möglichst viel verdienen und genießen möchte. Es bedarf infolgedessen einer Instanz, welche die Interessen der kommenden Geschlechter wahrt. Der Marktmechanismus ist dazu außerstande; nur die öffentliche Hand vermag diese Aufgabe zu erfüllen — falls ihr eigenes Denken und Handeln genügend zukunftsgerichtet ist.“ (bei Gruhl zitiert auf S. 233)

Die Interessengruppe der Ungeborenen ist im parlamentarischen Staat überhaupt nicht vertreten. (S. 233).


Gruhl, Herbert

Herbert Gruhl (1921 – 1993), deutscher Politiker (CDU, GAZ/GRÜNE, ÖDP, UÖD), Umweltschützer (BUND) und Schriftsteller. Als Autor erlangte er vor allem durch sein 1975 erschienenes Buch „Ein Planet wird geplündert – Die Schreckensbilanz unserer Politik“ größere Bekanntheit. (wikipedia)

Herbert-Gruhl-Gesellschaft e.V. http://herbert-gruhl.de/