Moralische Revolutionen

Appiah, Kwame Anthony. Eine Frage der Ehre: oder Wie es zu moralischen Revolutionen kommt, C.H.Beck, 2011

Unter einer moralischen Revolution versteht Appiah einen großen Wandel innerhalb kurzer Zeit. Dabei ändert sich nur das moralische Empfinden, sondern auch das moralische Verhaltens (Seite 10). Nach einer moralischen Revolution erscheinen Dinge in einem neuen Licht. Im Rückblick fragen sich dann Menschen: „Was haben wir da nur gedacht? Wie konnten wir das all die Jahre tun?“ In seinem Buch untersucht Appiah drei dieser moralischen Revolutionen: Das Ende des Duells, die Aufgabe des Füßebindens in China, die Abschaffung der atlantischen Sklaverei.

Appiah fiel bei seiner Untersuchung auf, dass die Argumente gegen die – unmoralischen und später verworfenen Praktiken – schon lange vor ihrer Aufgabe bekannt waren. Die Erkenntnisse waren also nicht neu. Was sich änderte, war die Bereitschaft nach den moralischen Argumenten zu leben (Seite 176). Beim Autofahren fehlt diese Bereitschaft noch. Die Schädlichkeit des Autos ist seit Jahren bekannt, umfangreich wissenschaftlich untersucht und dokumentiert, trotzdem wird der motorisierte Individualverkehr in wachsendem Maße weiter praktiziert .

Appiah weist darauf hin, dass bei den von ihm untersuchten Wandlungsprozessen der Faktor „Ehre“ eine wesentliche Rolle gespielt hat (Seite 10). Ehre steht im Zusammenhang mit Status und Respekt, unserem menschlichen Bedürfnis nach Anerkennung. Wir sind darauf angewiesen, von anderen als bewusste Wesen anerkannt zu werden. Somit spielt Ehre in unserer Vorstellung von einem erfolgreichen Leben eine ganz entscheidende Bedeutung. Zum guten Leben gehört nach Appiah aber auch ein Verständnis unserer Pflichten gegenüber anderen Menschen.

Nach einer moralischen Revolution stellen sich Menschen Fragen wie: „Was haben wir uns nur gedacht?“ Oder jemand wird gefragt: „Wie konntet Ihr nur?“

In den Vereinigten Staaten sitzt ein Prozent der Bevölkerung im Gefängnis. Es gibt heute Länder, in denen Homosexuelle zu lebenslanger Haft verurteilt werden. In den Gefängnissen vieler Länder wird gefoltert. Frauen werden als Menschen zweiter Klasse betrachtet. Es gibt industrielle Tierhaltung, in der Hunderte Milliarden von Säugetieren ein armseliges Dasein fristen.

Moralische Revolutionen in der jüngeren Zeit, nach der sich viele Menschen im Rückblick die Fragen stellen:

  • Wie konnten wir bloß die Homosexualität zu einem Straftatsbestand machen?
  • Wie konnten wir Frauen nur das Wahlrecht verweigern?
  • Wie konnten wir nur die Prügelstraße zulassen?
  • Wie konnten wir bloß Tiere zu Millionen in Tierfabriken halten?

Eines Tages werden die Menschen nicht nur diese alten Praktiken für falsch halten, sie werden auch glauben, dass die alten Praktiken etwas Schädliches an sich hatten. Während der Übergangszeit werden viele ihr Verhalten ändern, weil sie sich für die alten Praktiken schämen. Nach zukünftigen Revolutionen werden sich Menschen fragen:

  • Wie konnten wir bloß zulassen, dass tausende Menschen jedes Jahr im Straßenverkehr starben?
  • Wie konnten wir bloß zulassen, dass wir durch unseren exzessives Autofahren die natürlichen Ressourcen der Menschheit in wenigen Jahrzehnten verschwendeten?
  • Wie konnten wir zulassen, dass eine Milliarde Autos die Luft der Erde verpesteten.
  • Wie konnten wir bloß zulassen, dass wir durch völlig überdimensionierte Autos zur Klimaerwärmung massiv beigetragen und die Zukunft unserer Kinder und Kindeskinder gefährdet haben?

Wie sollen wir von der Welt geachtet werden, wenn wir solche schrecklichen Dinge tun?